Fatema Mernissi beim litprom-Lesefest zu Gast
Fatema Mernissi, die Ahnfrau des muslimischen Feminismus, endlich einmal in Frankfurt zu Gast, wurde ausgerechnet auf der Auftakt-Veranstaltung des litprom-Lesefestes geradezu vorbildlich “geandert” bzw. ausgegrenzt.
Anlass des Lesefestes mit dem Titel “Meine Heimat ist die Literatur – Worin finde ich meine Zuflucht?” war das 30jährige Jubiläum von litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V., ein Verein, der mir bis dahin als ein bißchen paternalistisch, aber “weltlich” bekannt war. In der Ankündigung hatte nichts von Religion gestanden und der Veranstaltungsort war unverdächtig: das katholische Haus am Dom beherbergt sonst auch gänzlich religionsferne Veranstaltungen.
Große Überraschung, als Peter Ripken, Geschäftsführer von litprom, den Abend mit der Ansage eröffnete, der religiöse Drall des suggestiv formulierten Themas (Worin finde ich meine Zuflucht?) sei dem Drängen des katholischen Gastgebers zu verdanken. Eigentlich sei einer der Hauptpartner, das ICORN international cities of refuge network, explizit religionsfern. Danach hielt tatsächlich eine „Studienleiterin“ des Hauses am Dom in folkloristischem Jäckchen eine längere Rede, in der Bibelstellen über die Zuflucht zu Gott vorkamen.
Der Moderator Ruthard Stäblein übernahm endlich das Wort und stellte die Podiumsteilnehmer weitschweifig vor: den indischen Autor Uday Prakash als „Hindi“, die marokkanische Sozialwissenschaftlerin Fatema Mernissi als „Mohammedanerin“, den deutschen Autor Ilija Trojanow als „multikulturell“. Versteht sich, dass Stäblein sich selber als weißen Vertreter des Christentums nicht extra auswies.
Nach ca. 40 Minuten Vorrede durfte Uday Prakash einen Absatz aus seinem Roman über den hinduistischen Dr. Wakankar vorlesen, auf Hindi, mit anschließender Übersetzung. Stäbleins erste Frage an den Autor kam als Überraschung, da ohne erkennbaren Zusammenhang zum vorgelesenen Text: Wie Prakash zur islamischen Invasion des indischen Subkontinents stünde? Prakash biß nicht an, sondern betonte, dass Muslime – ebenso wie Christen – auf den Handelswegen gekommen seien und dass Religionen nach seiner Ansicht für Machtinteressen missbraucht würden.
Ilija Trojanow hatte einen Text aus seinem derzeitigen Buchprojekt mitgebracht, in dem ein Wissenschaftler sich an einem verschwundenen Gletscher abarbeitet: Umweltzerstörung als „Wundmale des Weißen Mannes“. Stäblein versuchte sich an einer religiösen Interpretation der Wundmale als christliches Motiv, aber er hatte wieder kein Glück. Trojanov beharrte auf Umweltzerstörung durch den weißen Mann und auf seiner Skepsis gegenüber allen Religionen.
Dann wandt sich Stäblein endlich direkt an Fatema Mernissi und erteilte ihr damit zum ersten Mal das Wort, nach fast anderthalb Stunden Vorworte, Lesungen und Diskussionen: Ob sie denn auch noch was sagen wolle, bevor man in die Schlussdiskussion einsteige? Das Publikum protestierte, manche hatten den ganzen Abend ungeduldig auf Mernissis Vortrag gewartet, und sie war offensichtlich darauf eingestellt, einen zu halten, da sie eine Menge Unterlagen hervorzog.
Mit anmutigen Handbewegungen und charmantem Lächeln breitete sie eine Reihe provokanter Thesen aus, offenbar mit dem Ziel einer Ehrenrettung des in den letzten Jahren so in Verruf geratenen Islam: Das Leben in den ihr bekannten islamischen Gesellschaften sei für Frauen freier als im Westen, der Sex sei besser, es gäbe an die 500 Sender im arabischen Raum, aber keine Porno-Programme. Und: Wir machen uns jetzt unser eigenes Bild von uns – und von Euch!
Die in Schönheit gealterte Grande Dame des islamischen Feminismus, geschminkt, lila Mützchen auf rotem Haar, setzte zum Schluss ihre Brille ab und strahlte ins begeistert klatschende Publikum – weit überwiegend Alteingesessene. Ungeachtet des Zuspruchs für Mernissis Vortrag kanzelte der Moderator Stäblein sie säuerlich ab: Da zeichne sie ja ein schönes Bild vom Islam – aber er glaube ihr nicht! Na ja, seiner Konfession nach ist er offenbar Christ, und zwar einer, der glaubte, der einzigen Frau auf dem Podium keinen Respekt erweisen zu müssen: Einer alten Frau, die ihre Weiblichkeit betont, Feministin, aus Afrika und auch noch “Mohammedanerin”! Die meisten blieben sitzen und sagten nichts: Business as usual.