Selbstorganisation von Frauen mit Migrationshintergrund

Endlich kommen sie in die Pötte: Gerade junge, gut ausgebildete Frauen mit Migrationshintergrund organisieren sich zunehmend in eigenen Frauengruppen.

Der Titel des Gesprächsforums am 30. April 2010 im Haus der Jugend, veranstaltet von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten und dem Frauenreferat der Stadt Frankfurt, gab Auskunft über eines der wichtigsten Motive für die Selbstorganisation der „Ausländerinnen“: „Frauen in Frankfurt – von der Gastarbeiterin zur gesellschaftlichen Akteurin.“

In den Grußworten der drei einladenden Frauen wurden auch Motive für die Einberufung der Versammlung angesprochen. Helga Nagel vom AMKA hatte festgestellt, dass sich vor allem zugewanderte Frauen an der Diskussion des Integrationskonzepts beteiligt hatten. Gabriele Wenner vom Frauenreferat wünschte sich eine Verknüpfung von Gender und Diversity. Mechtild Jansen, zuständig für politische Bildung, versuchte mit einem Spiel, dem Vorwurf des Eurozentrismus zuvorzukommen: Alle aufstehen, die aus Europa kommen! Alle aufstehen, die aus Asien kommen! Alle aufstehen, die aus Afrika kommen! Etcetera. Ich stand bei Europa und bei Asien auf, fiel aber nicht weiter auf.

Die Moderatorin Isil Yönter leitete das Forum mit einer persönlichen Erinnerung ein: Sie war 1984 beim ersten (und bis hierhin einzigen!) derartigen Kongress in Frankfurt dabei. In einer der Debatten warfen die „ausländischen“ den „deutschen“ Frauen vor, Hierarchien unter den Frauen auszublenden. Nach meiner Wahrnehmung spielten soziale und ethnische Hierarchien auch auf diesem Kongress eine Rolle, zu beobachten etwa im Bezug einiger der „ausländischen“ auf die einladenden “amtlichen deutschen Frauen”.

Zusammenfassend: Die Teilnehmerinnen waren begeistert von der Veranstaltung und äußerten mehrfach den Wunsch nach einer Fortsetzung.  Eine “amtliche” Einladung dazu ist notwendig, denn die Gräben zwischen den einzelnen Gruppen, etwa zwischen den unterschiedlichen muslimischen, sind hoch. Möglicherweise höher als das gemeinsame Interesse, nicht mehr als Klienten bevormundet zu werden, sondern als gesellschaftliche Akteurinnen respektiert und ernst genommen zu werden. Auf der Wunschliste ganz oben: Geld und Räume, damit die ehrenamtliche Arbeit der Frauen professionalisiert und auf Dauer gestellt werden kann. Die Integrationsleistung der Frauengruppen jetzt zu honorieren könnte für die Gesellschaft deutlich günstiger sein als nachträgliche Schadensbereinigung, und auch damit haben wir ja jetzt schon zu tun.

Je nach Herkunft und Religion sind die Probleme und Lösungsstrategien der Gruppen sehr unterschiedlich. Manche blicken auf eine lange Tradition zurück, zwei existieren erst seit einigen Monaten. Hier eine unsortierte Liste mit Infos über die 9 Gruppen, die sich vorstellten, auf Basis meiner hastigen Mitschrift, plus Links, soweit ich was im Netz finden konnte.

ZAN – Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen e.V.
Gründung 2002. Ca. 30 Mitfrauen. Betreuung afghanischer Frauen mit den Schwerpunkten Trauma-Arbeit, Spracherwerb, Weiterbildung, Jobsuche, Vernetzung.

Imbradiva e.V.
Interessenvertretung von Brasilianerinnen, 1998 gegründet. Themen: Übersetzung, Kommunikation, gesellschaftliche Teilhabe. Beauty-Salon als Anlass zu Treffen, derzeit in den Räumen von Berami. Vor kurzem wurde auch eine mehrsprachige Krippe Deutsch/Portugiesisch/Englisch eröffnet.

Kompetenzzentrum muslimischer Frauen
Im November 2009 gegründet. Ca. 30 Mitfrauen muslimischen Glaubens, viele davon akademisch qualifiziert. Wollen der Mehrheits-Gesellschaft zeigen, dass muslimische Frauen aktiv an der Gestaltung Deutschlands mitwirken, mit oder ohne Kopftuch. Für die Zielgruppe der muslimischen Frauen geht es um Gesundheit, Verhütung, gesunde Ernährung, Kindererziehung. Finanzierung über Projektarbeit angestrebt, um unabhängig von Verbandsinteressen (der Kirchen? der Ditib?) zu bleiben.

FraInFra: Frankfurter Initiative progressiver Frauen
Wurde im Januar 2010 gegründet, von berufstätigen Frauen türkischer Herkunft, viele mit akademischem Abschluss, die Religion als Privatsache ansehen. Wollen als gleichberechtigte Bürgerinnen respektiert werden, denn sie seien Leistungsträgerinnen und Steuerzahlerinnen. Von religiös motivierten Gruppen, die in der Integrationsdebatte als Gesprächspartner herangezogen werden, sehen sie sich nicht vertreten. Die Sprecherin, die Zahnärztin Ezhar Cezairli, nimmt wieder an der Islam-Konferenz teil, so die taz vom 3. März 2010. Oder ist es Günül Halat-Mec, Anwältin, wie die FR am 15. März 2010 vermeldet?

Maisha: African Women in Germany
1996 gegründet. Ziel: Gegen Diskriminierung schwarzer Frauen kämpfen, strukturelle Hindernisse überwinden, Frauen stärken. Ca. 500 Mitglieder, auch Männer, denn Probleme lassen sich gemeinsam besser lösen, z.B. Gewalt in der Familie. Maisha hat Räume in einem Sportverein. Neue Themen: Mitarbeit im Integrationsprozess, Alter, Pflege, Sterben.

Lajna Imaillah Frauenorganisation der Ahmadiyya-Gemeinde
1922 gegründet. Ca. 10.000 Mitfrauen und 250 lokale Gruppen in Deutschland, die demokratisch strukturiert sind. Ziel: Spirituelle Bildung von Frauen gegen eine patriarchale Lesart des Korans. Schwerpunkt auf der Förderung der Sprechfähigkeit der Frauen, z.B. mit Rhetorikkursen, und der weiblichen Berufstätigkeit, z.B. mit Ausbildung zur Kamerafrau bei MTA Muslim TV Ahmadiyya.

Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland
Zusammenschluss der in Deutschland lebenden Migrantinnen türkischer und kurdischer Herkunft. Gründung 2005. Ca 500 Mitglieder, in Frankfurt ca. 80 Frauen. Offen für alle Ethnien und Religionen. Gemeinsamer Nenner Migration/Frauen. Als erste Migrantinnen-Organisation Mitglied im Dt. Frauenrat. Ziel: Den Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit im Integrationsdiskurs verstärken.

Coordinamente Donne Italiane di Francoforte e.V.
1998 in Rom gegründet: Italiener ein Volk von Migranten. Arbeitsschwerpunkt: Frauen als Mütter. Erziehungsfragen. Schulprobleme. Die Bildungschancen der italienischstämmigen Kinder seien in Deutschland besonders schlecht. Gründung eines Interkulturellen Frauennetzwerkes in Frankfurt im Juni geplant. Ob andere Migrationsfrauen-Gruppen sich dem Netzwerk anschließen werden?

Bund Alevitischer Frauen in Deutschland
Gegründet 1999. Sitz in Köln. Mit Frauenräten in 5 Bundesländern vertreten, auch in Hessen. Setzt sich für die Ermächtigung alevitischer Frauen ein. Die Gruppe strebt Professionalisierung ihrer Arbeit an und möchte mit anderen muslimischen Frauengruppen enger zusammenarbeiten. Die Sprecherin Mürvet Öztürk ist auch Mitfrau im Kompetenzzentrum muslimischer Frauen und Abgeordnete der Grünen im Hessischen Landtag.

Last but not least stellte Dr. Olga Zitzelsberger von der TU Darmstadt als Co-Autorin die Studie „Migrantinnen machen mit“ vor. Die bundesweite Erhebung zu Selbstorganisationen von Migrantinnen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ ist noch nicht erschienen, wird aber dann beim AMKA bzw. beim Frauenreferat zu bekommen sein.

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